Transsib 28. Februar 2020

Transsib
Die so lange im Hinterkopf gehächtelte Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn (‘Transsib’) hat kurz nach Mitternacht begonnen am Bahnhof Jaroslavskaya in Moskau. Zum Glück sind wir einen (vermeintlichen) Tag vor Abreise zum Bahnhof gefahren, um unsere Bordkarten zu lösen, um gleich festzustellen, dass 00:35h zum neuen Tag gehört und nicht zum alten, was bedeutete, dass wir (Nico und ich) schon am gleichen Abend wieder antreten mussten zur großen Reise. Die russische Bahn­gesellschaft machte genau den gleichen Fehler (vielleicht weil wir über den schaltjährigen 29. Fe­bruar im Zug sitzen), und die Provodnitsa1 unseres Wagons war in fürchterlich schlechter Laune, weil da zwei mehr Kunden auftauchten, die im übrigen kein Unterbringungsproblem darstellten, da der Zug halb leer ist. Jedenfalls blieben wir im Zug und verließen Moskau Richtung Nordosten. Das Ta-dang-ta-dang der Schienen bescherte uns einen guten Schlaf bis nach 8 Uhr.

GangTemperatur

Das Abenteuer sollte beginnen mit dem Besteigen der Transsibirischen, aber die Wagons sind neu, bestens ausgerüstet mit USB-Ladesteckdose und Dusche und Heizung (viel zu heiß wie überall). Wäre da nicht die Aufre­gung mit dem falschen Datum gewesen, könnte bis jetzt von Abenteuer keine Rede sein. Auch die Russen im Zug sind nicht mehr das, was sie einmal gewesen zu sein schienen: Nur einer ist betrun­ken, unsere Kabinenmitbewohner sind eher kühl und ruhig, die Provodnitsa erholt sich schnell zur sympathischen Wächterin über uns. Es gibt keinen Alkohol an Bord zu kaufen, man stelle sich das vor! Zum Glück sind wir ja nicht von Gestern...

Dusche

80 Halte bis Wladiwostok sind geplant und sieben Zeitzonen werden durchquert, wir steigen allerdings schon nach 2/3 der Strecke in Irkutsk aus, nach Unterbrechungen in Nowosibirsk, Taiga und Tomsk. Die vorbeiziehende Landschaft resümiert sich in gemischten Wälder und kleine Flecken mit bunten Holzhäusern oder hässlichen Plattenbauten, wenn sie etwas größer sind. Der Birkenbestand nimmt langsam zu mit der Entfernung von Moskau. Sehr viele Güterzüge kreuzen unseren Weg, mit brandneuen und wunderschöner Patina auf den alten Wagons, die im Wesentlichen Ammoniak zu transportieren scheinen (Ammиak). Die Diskrepanz zwischen dem sauberen, freundlichen und kulturell hochstehenden Moskau mit der Provinz ist ziemlich krass, jetzt, wo wir schon 1000km hinter uns haben. Wild East Stimmung kommt auf, Zivilisationsgrenze, es fehlen nur die Trapper im Bild. Es fällt mir auf, dass sehr viel Erde umgewühlt und aufgetürmt ist in den menschenbesiedelten Ecken, ich habe jedenfalls schon viele Caterpillars gesehen (bzw. das russische Gegenstück) und noch kein Fahrrad. Im Gegenzug habe ich in Moskau mehr Mercedes Maybach erblickt als Renault Dusters. Die Achtzylinder dominierten das Straßenbild in der Hauptstadt.

Die Gegend ist verschneit, nicht viel, etwa 10cm, aber durchgehend. Draußen an den Bahnhöfen wird immer noch +2º angezeigt, genau wie in Moskau. Das sind 20º mehr als üblich, man meint die Klimaverschiebung zu fühlen. Wir sind recht enttäuscht darüber, da wir zu viel Kleidung dabei ha­ben – die -35º in Irkutsk, auf die wir vorbereitet sind, erscheinen in der Vorhersage zwischen -15º und -5º zu oszillieren. LokomotiveHolzAmmoniakHolz

Transsib 29. Februar 2020

Der zweite komplette Tag im Zug. Bis jetzt haben wir noch keine sympathischen Russen getroffen im Zug, die Reisegenossen sind eher ungesunde mittelalterliche Muffel. Unser Bordrestaurant hat nur eine kleine Auswahl an gutem Essen, Suppe vor allem. Fisch ist zu teuer.

TaigaAbend

Transsib 1. März 2020

Die Nacht war sehr unruhig mit zusammengestückeltem Schlaf. Mein Oura Ring registriert gar kei­nen Schlaf oder nur Ruhestunden bei den Bahnhofhalten, wegen des ständigen Vibrierens im Zug. Diesmal hatten wir nacheinander zwei sympathische Reisegenossen, ein Helikopterpilot und ein 83-jähriger aus Ungarn stammender Wissenschaftler, der in Akademgorordov gearbeitet hat. Er schwärmt vom Baikalsee als einem Ort bester Lebensqualität auf der Erde. Die zwei lösen sich um 2 Uhr in der Nacht ab (wir kommen kaum nach mit der Uhr umstellen, jetzt haben wir schon 4 Zeit­tonen seit Moskau überschritten und sind sechs Stunden vor Mitteleuropa).

Ungar

Wir wachen um 7h auf zu Sonnenschein. Die Wälder sind nun reine Birkenwälder, wir sind mitten in Sibirien, in der Taiga. Vorgestern passierten wir den nördlichsten Punk bei 60º Nord und bewegen uns wieder nach Süden, weswegen es früh hell wird. Im Halbschlaf ist mir die Weite Sibiriens phy­sisch klar geworden, nach 48h im Zug sinkt es ein in mein System. Mit TGV Geschwindigkeit (5x so schnell) würde man das nicht so erleben. Die Unermesslichkeit wird irgendwie erfahrbar.

KaffeeIn jedem Wagon befindet sich ein Kocher mit heißem Wasser, mit dem man wunderbar Tee oder Kaffee machen kann

Zu Mittag mit nun 6 Stunden Vorsprung auf MEZ kommen wir in Nowosibirsk an einem schönen hellgrünen Bahnhof an. Wenn ich Zuhause anrufen, muss ich schon richtig aufpassen, dass ich die anderen nicht aus dem Bett werfe. Auch hier empfängt uns kein richtiger Winter, tagsüber leben wir bei +3º und der noch überall liegende Schnee taut, was zu fürchterlich dreckigen Strassen und Autos führt. Der Ob ist nur am Rande zugefroren.

Nowosibirsk ist die dritte Stadt Russlands mit 1,5 Millionen Einwohnern, und sie sehr weit ver­streut. Von unserem Marins Hotel im 10. Stock haben wir einen guten Überblick nach Süden über den Bahnhof und den Fluss.

Transib 4. März 2020 Novosibirsk - Tomsk

Siehe Tomsk.

Transib 6. März 2020 Tomsk - Taiga - Irkutsk

Um 12:34h geht unser Zug von Tomsk 2 (also von einem anderen BHF) ab nach Irkutsk über Taiga, wo wir den Zug wechseln. Also nochmals 32 Std Zugfahrt. In der Nacht gegen 2 Uhr überqueren wir den zugefrorenen Jenissei (ohne aufzuwachen).
Es ist ein seltsamer Schlaf im Liegewagen, man schläft nur leicht, wacht oft auf, ist im Dämmerzustand, ein Schweben zwischen Traum und Halbwachsein, und es nervt einem nicht, das Gehirn ist ruhig, ich spüre die Landschaft unter mir, die Kurven, die Hügel, ich liege in einer Wiege, die mit 60 kmh unerbittlich in die Taiga vordringt. Eher tiefe, sonst unbewusste Gefühle kommen auf, keine Gedanken. Ich fühlte mich weggespült von Europa, eine unsichtbare Grenze hat sich dazwischen geschoben, jetzt bin ich in Asien, weit weg.

Im Restaurant zu Mittag treffe ich auf einen dauerreisenden Amerikaner, mit den wildesten Plänen, kommt gerade aus Burkina Faso, er hat aber nichts zu erzählen, da er nie länger als ein paar Stunden irgendwo bleibt. Dann ist da ein Vater in meinem Alter mit seinen zwei Söhnen aus Mecklenburg (also mit plattdeutschem Akzent). Es ist sehr interessant, sich über die alte DDR, die Russische Besatzung und die Erfahrungen mit der BRD auszutauschen. Der Vater hat Militärhistorie studiert, kann Russisch und kennt sich entsprechend gut aus mit Geschichte und Kultur Russlands. Alle haben das Fernsehen aufgegeben wie ich, wegen der Fakenews auf allen Kanälen! Wie immer wird ARTE als lobenswerte Ausnahme genannt. Wie die sich als europäisch finanziertes Projekt über dem seichten Wasser halten, ist mir ein Rätsel. Als vereinte Deutsche vertilgen wir drei Biere ohne mit der Wimper zu zucken.

RussenZwei Kumpanen im Abteil, Militär, Dienstort: Krim, Ex-Frau und Kind in Vladivostok, Frau und 2 Kinder Nähe Moskau. Warum sie nicht fliegen? Weil es romantischer ist!

Transib 7. März 2020 Tomsk - Taiga - Irkutsk

IrkutskIrkutsk, Endstation fur heute!
Ein Fahrer holt uns für einen weit überhöhten Preis am Bahnhof ab und bringt uns zu Nina, unsere Wirtin für zwei Tage. Sie ist Musikprofessorin an der Uni, muss aber B&B dazu machen. Einfaches, sympatisches Haus, es könnte genauso gut in Nepal oder Bolivien stehen. Man fühlt sich sofort als Traveller, nicht als Tourist.
Transsib Routen

-> Novosibirsk


  1. Zuständige Wagonvorsteherin, die die absolute Gewalt zu haben scheint im Zug