Epilog

Irkutsk 15. März 2020

Es herrscht leicht gedrückte Stimmung an Board unseres Buses auf dem Weg zurück nach Irkutsk, kaum jemand redet, jeder hängt seinen Gedanken nach. Mittagessen in einer Kantine an der Straße, selbst Aldar scheint bedrückt. Um 15 Uhr kommen wir im Zentrum von Irkutsk an und besuchen den Markt, wir treffen Zustände an irgendwo zwischen Thailand und Zentraleuropa. Die meisten Stände verkaufen Fleisch. Die Metzger sind Frauen, sie beugen sich über ihre Auslage, die nur große Stücke enthält. Dann fahren wir ein paar Straßen weiter in unsere Bleibe für die Nacht bei Irina, unserer Organisatorin, die eigentlich in Paris lebt mit Familie, im Moment aber hier ist.
Nach einigem Nachdenken über die noch geplanten 8 Tage entscheiden wir uns direkt einen Flug zu buchen für Morgen früh, wir fürchten, dass eine Falle zuschnappen wird, wenn in Moskau ebenfalls der Virus ausbricht, dann kämen wir zumindest in Quarantäne, wenn wir denn zurück könnten. Auch haben wir nach der großartigen Tour kaum noch Lust auf weiteren Tourismus. Schon auf der Insel Olkhone waren uns die handvoll Touristen zu viel. Vorm Abendessen sitzen alle am Handy und Laptop, um umzubuchen oder zu bestätigen. Gegen 20 Uhr fahren wir mit Aldar in das beste Restaurant der Stadt (700'000 Einwohner) zum Abschiedsessen. Als Ältester der Gruppe bringe ich einen langen Toast aus auf Aldar. Wie üblich beginnen und enden wir die Mahlzeit mit besten Vodkashots.
FelleNico gut angepasst im Duty Free

Im Flugzeug nach Corona-Land 16. März 2020

Alles ging gut und schnell heute früh, letzte Umarmungen und 35 Mal Passvorweisen und Sicherheitskontrolle später sitze ich im Flieger nach Paris, dem kürzeren Teil der 8000 km, die es zu überwinden gilt. Sibirien erschien uns selbst per Flugzeug immens.
Ganz Mitteleuropa hat jetzt die Grenzen zugemacht, wir hoffen, gerade noch hinein zu schlüpfen, um dann Zuhause in Quarantäne zu gehen. Die Sonne scheint ja.

Russland

Aldar hat uns extrem viel über Geschichte und Politik erzählt, über die Buriaten, seinen Stolz, Russe zu sein. Mit Putins Aussenpolitik ist er 100% einverstanden, mit der Innenpolitik, der Unterdrückung von Opposition und Presse allerdings überhaupt nicht. Putin betreibe Wahlbetrug, den er gar nicht nötig habe, er bekäme 54% der Stimmen und bescheißt sich hoch auf 64%. Ohne Putin wäre Russland im Bürgerkrieg untergegangen. Er hat die Oligarchen zur Kasse gebeten und die Mafia in die Schranken gewiesen, die Korruption der Polizei stark reduziert, der FSB hat sich allerdings zur Mafiakonkurrenz gemausert, er bietet 'Protektion' an zu 60% der Mafiapreise. Die Justiz hat sich emanzipiert und ist ziemlich unabhängig geworden von der Politik, aber die Gefängnisse stehen den indischen in nichts nach, das muss der absolute Horror und Untergang sein. Die zwei Chechenienkriege waren laut Aldar nur dazu dar, die Mafia zu köpfen. Grosny ist heute die modernste und friedlichste Stadt Russlands, da sie vollkommen zerstört und neu aufgebaut wurde. Die Armee ist nun kampferprobt und sehr gut ausgerüstet, Russland ist zum drittgrössten Waffenproduzent aufgestiegen und exportiert wieder Weizen. Seine Beschreibung der 90er Jahre nach der Abdankung Jeltsins, war mir neu oder entfallen, es gab da eine richtige Hungersnot und Armut im ganzen Land, den Leuten ging es ganz schlecht. Auch heute noch leben 22% in der Armut wegen den kleinen Renten. Insofern, und nach allem was wir an Zivilisation, Modernität, Reichtum (obwohl die Mittelklasse nur 12% ausmacht von 152 Millionen, sind es doch viele Menschen) gesehen haben, hat Putin extrem viel geleistet und erreicht.
Die Ansichten aller Russen, die wir gesprochen haben, über die Ukraine, die Aneignung der Krim1, die Solidarität mit Assad2 in Syrien sind pro-Putin und ganz anders, als was uns die westlichen News so einflüstern. Ich selber sah die Lage schon vor meinem Besuch hier eher im Einklang mit den Russen. Die Lügen der Nato, die Russland eingezingelt hat3 und Putins Verteidigung als Bedrohung darstellt, der Druck der Amerikaner auf Brüssel, die Ukraine einzubeziehen, der missglückte Coup des CIA in Kiev, das spricht alles für sich selbst. Irgendwie sind wir sehr blind geworden in Europa, die USA betreibt seit zwei Jahrzehnten eine Politik der Spaltung und Belastung Europas, man zündet den mittleren Osten an, die Flüchtlingswelle drängt England aus der EU, die Nationalisten haben Oberwasser und die Medien schweigen. In England, Polen, Ungarn, Österreich, Italien gilt Trumps Devise: Me first! Ich habe mir das 4-stündige, sehr interessante Interview von Oliver Stone mit Putin angeschaut auf Youtube. Auch Lavrov ist sehenswert mit CNN. Ich denke, Putin ist den meisten westlichen Politikern haushoch überlegen, er ist sehr gerissen und denkt langfristig (er hat auch den Luxus dazu). Jetzt steht eine Konstitutionsänderung zur Wahl, die ihm die Präsidentschaft auf Lebenszeit ermöglicht (er ist schon 22 Jahre im Amt). Die meisten sind sich einig, dass es bisher auch keine Alternative zu Putin gab, doch jetzt kommt mit Außenminister Lavrov möglicherweise ein Konkurrent auf.

Wir haben uns jedenfalls viel sicherer gefühlt als in Paris z.B., sehr willkommen überall, die kleinste Bemühung, russisch zu sprechen wird sofort belohnt. Irinas Crew hat uns super gut begleitet, gebildet, informiert und beschützt. Ich glaube, wir waren uns mancher Gefahren auf dem Eis nicht so bewusst und waren erstaunt über ihre Vorsichtsmaßnahmen.
Kritik? Ja, die Vergangenheitsbewältigung. Von den Genossen Stalin bis Jeltsin sahen wir nirgends Denkmäler, nur Lenin, Trotzki und diverse Generäle. Da wurde offensichtlich aufgeräumt. Aber die Nicht-Kunstmuseen und vor allem das Gulag Museum lassen doch erheblich zu Wünschen übrig, da müsste noch sehr viel getan werden.

Schlusswort

Nico und ich haben gefunden, was wir gesucht haben und wurden überrascht durch mehr. Ich möchte unbedingt wiederkommen, genauso wie ich auch wieder nach Bolivien will. Die Transsib und der Norden des Baikals waren klar die Höhepunkte. Ein Woche in Solnetchnaya zu überwintern, das wäre der nächste Traum. Dort im Norden ist man so ganz jwd und hat doch das Gefühl, im Zentrum zu sein, nichts fehlt in dieser Einsamkeit.
Neben dem Blog kam ich nicht zum Lesen, aber ich habe viele Podcasts über die Nichtexistenz des freien Willens gehört von Sam Harris, auch seine Kritiker. Darum frage ich mich jetzt schon, was mich dazu bewegt hat und in Zukunft bewegt, nach Sibirien zu fahren, obwohl ich der These immer noch nicht zustimmen kann. Aber wenn man in eine andere Kultur reist und die (andere) Uniformität dort sieht (in Kleidung, Gesten, Traditionen, Baustile etc), dann fragt man sich schon, wo da die Wahl war für jeden Einzelnen.

P.S. Die französisch Erde hat uns wieder, wir sind pünktlich gelandet und auf den letzten TGV gekommen, mitten hinein in die SARS2 Panik. Alle Geschäfte sind geschlossen, das Handgel hat man uns aus dem Röntgenkasten in Moskau geklaut, hier sind die Apotheken leer. Belinda bittet mich, Essen einzukaufen, da auf der Insel alle Regale leer sind, die Pariser sitzen ihre Quaratäne lieber am Meer ab. Jetzt muss ich meine Umgebung versorgen mit Peter Attias aktuellem Stand zur Pandemie. Adieu!


  1. das Referendum fand immerhin 94% Zustimmung, die Krim war schon immer russisch, und die Bevölkerung ist ganz überwiegend russisch, andererseits ist der Zugang zum Schwarzen Meer strategisch sehr wichtig 

  2. Russland hält traditionell, im strikten Gegensatz zu den USA, seine Versprechen gegenüber den Verbündeten ein. 

  3. Man vergleiche die Situation der Umzingelung mit der amerikanischen Reaktion auf die russischen Raketenstationierung auf Kuba 1962, die nur einen Zipfel der USA bedrohten.